Eine Tragödie, kurz vor ihrem Ende angehalten
In Shakespeares Hamlet schildert Königin Gertrude, wie Ophelia noch singt, während ihre durchnässten Kleider sie in die Tiefe ziehen. Millais wählt genau diesen Zwischenzustand. Ihr Mund ist noch geöffnet, Blumen gleiten aus ihrer Hand, und das Kleid trägt sie noch auf dem Wasser. Die Haltung ist friedlich genug, um schön zu wirken, und zugleich so labil, dass sie beunruhigt.
Ein Flussufer, Blatt für Blatt bemalt
Millais arbeitete am Hogsmill River in Surrey und malte die Pflanzen im Freien mit präraffaelitischer Genauigkeit. Er klagte über Insekten, das Wetter und die langen Arbeitstage, doch im fertigen Bild wirkt jedes Schilfrohr und jede Blume unmittelbar beobachtet. Die Natur ist keine vage Kulisse. Ihre gleichgültige Fülle verschärft die menschliche Tragödie.
Blumen aus Text und Erfindung
Weide, Brennnesseln, Gänseblümchen und Girlande knüpfen eng an Shakespeares Beschreibung an. Millais ergänzte weitere symbolische Pflanzen, darunter roten Mohn als Zeichen für Schlaf und Tod. Die einzelnen Arten zu bestimmen bereichert das Bild, doch die Blumen sind mehr als ein zu entschlüsselndes Rätsel. Ihre lebendige Schärfe, Farbe und Vielfalt stehen Ophelias schwindendem Bewusstsein entgegen.
Blumen tragen mehr als eine Geschichte
Millais malte das Flussufer mit außergewöhnlicher Sorgfalt im Freien und fügte die Figur später im Atelier hinzu. Viele der Pflanzen lassen sich genau bestimmen und sind mit Liebe, Erinnerung, Unschuld oder Tod verbunden. Zugleich sind es Arten, die an einem bestimmten feuchten Standort tatsächlich zusammen wachsen. Symbolik und botanische Beobachtung verstärken einander, statt getrennten Welten anzugehören.
Ophelias Haltung hält die Krise in der Schwebe. Ihr Kleid breitet sich aus und trägt sie noch, ihre Handflächen bleiben geöffnet, ihr Gesicht wirkt seltsam ruhig. Shakespeare beschreibt den Augenblick, bevor die durchnässte Kleidung sie hinabzieht; so kann Millais Schweben und Ertrinken zugleich malen. Der Bach ist schön genug, um die Erkenntnis aufzuschieben. Sobald wir das dunkle Wasser und den schweren Stoff wahrnehmen, wird diese Schönheit selbst Teil des Unbehagens.
Quellen und weiterführende Lektüre
- Tate, Millais' OpheliaWerkangaben, Motiv und Blumensymbolik.
- Tate, präraffaelitische KunstMusealer Kontext zu Millais und zur Arbeitsweise der Präraffaeliten.
