Zwei Frauen, zwei Richtungen
Die Frau links blickt uns an, während ihre Begleiterin über den See schaut. Die modischen Hüte und Kleider verraten einen Ausflug in die Öffentlichkeit, doch Morisot erzählt keine einfache Geschichte geselliger Unbeschwertheit. Im engen Boot sitzen die Frauen dicht beieinander, ihre Blicke gehen jedoch auseinander. So entsteht in der Bildmitte eine stille Spannung.
Ein aus Unterbrechungen gemalter See
Blaue, grüne, weiße und braune Pinselstriche fügen sich nicht zu einer glatten Spiegelfläche. Boote und Bäume zerfallen in ihren Reflexionen, Enten setzen dunkle Akzente neben dem Rumpf. Manche Konturen lässt Morisot offen, sodass die Kleidung der Frauen und die bewegte Wasseroberfläche ohne harte Grenze ineinander übergehen.
Moderne Freizeit, genau beobachtet
Im Bois de Boulogne konnte die vornehme Pariser Gesellschaft Boot fahren und flanieren. Für Frauen war der Aufenthalt im öffentlichen Raum jedoch von gesellschaftlichen Regeln und prüfenden Blicken bestimmt. Morisot, eine der wichtigsten Vertreterinnen des Impressionismus, macht aus dem Ausflug weder ein Schauspiel noch eine Anekdote. Kleidung, Haltung und Wetter erhalten ebenso viel Gewicht wie der flüchtige Blick über das Wasser.
Der See ist ein gesellschaftlicher Raum, keine bloße Landschaft
Die Frauen sitzen dicht über dem Wasser, doch keine von ihnen wendet sich der Landschaft so zu, wie es von einer Betrachterin in einem herkömmlichen Landschaftsbild zu erwarten wäre. Die eine blickt uns an, die andere schaut zur Seite; dadurch rückt ihr Verhältnis zueinander stärker in den Mittelpunkt als die Aussicht. Der Bootsrand verläuft als Diagonale zwischen ihnen und dem See, auf dem weitere Boote nur noch lockere Spuren sind. Morisot verwandelt einen öffentlichen Ausflug in einen vieldeutigen privaten Augenblick.
Morisots Malweise verändert sich über die Leinwand hinweg. Gesichter und Kleidung sind deutlich genug gefasst, um die Haltung der Frauen lesbar zu machen, während sich Blätter, Wasser und Spiegelungen in grüne, blaue und weiße Tupfer auflösen. Diese bewusst skizzenhafte Lebendigkeit ist kein Zeichen eines vorzeitig abgebrochenen Bildes. Sie lässt die Atmosphäre bis an die Figuren heranreichen. Ihre modische Kleidung verankert sie im modernen Leben, doch Morisots Pinsel hält diese Welt nicht still.
Quellen und weiterführende Lektüre
- National Gallery, SammlungsseiteWerkangaben, Schauplatz, Figuren und Malweise.
- National Gallery, Berthe MorisotMusealer Kontext zu Morisots Werk und Laufbahn.
