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Kunst des Tages · 7. Oktober 2026

Die Tanzklasse

Die meisten Tänzerinnen tanzen gerade nicht.

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Junge Balletttänzerinnen warten und proben in einem Saal rund um einen älteren Lehrer mit einem Stock
Künstler
Edgar Degas
Datum
1874
Technik
Öl auf Leinwand
Sammlung
Metropolitan Museum of Art

Eine Aufführung aus Augenblicken des Wartens

Degas füllt den Saal mit Tätigkeiten, die dem Publikum gewöhnlich verborgen bleiben. Eine Tänzerin kratzt sich am Rücken, eine andere richtet ein Band, weitere lehnen sich an oder sitzen. Diese Vielfalt löst das Corps de Ballet in einzelne Menschen auf und zeigt zugleich die wiederholte Arbeit hinter der koordinierten Bewegung auf der Bühne.

Der Meister im Mittelpunkt

Jules Perrot steht in der Mitte und schlägt mit einem langen Stock den Takt auf den Boden. Einst ein international gefeierter Ballettstar, unterrichtete er nach seinem Abschied von der Bühne an der Pariser Opéra. Seine aufrechte, dunkel gekleidete Gestalt gibt einer Komposition Halt, die sonst von hellen Tutus und verstreuten Posen erfüllt ist.

Ein scheinbar zufällig angeschnittener Raum

Dielen und Wände fluchten in eine ferne Ecke, während Figuren an den Bildrändern abgeschnitten werden, als setze sich die Szene außerhalb der Leinwand fort. Degas bereitete solche Wirkungen mit Zeichnungen und Studien vor. Der vermeintliche Schnappschuss ist genau konstruiert: Unerwartet große leere Bodenflächen und nur teilweise sichtbare Körper vermitteln den Eindruck, mitten in einer Probe zu stehen, statt einer vollendeten Aufführung beizuwohnen.

Zum Üben gehört das Warten

Nur eine Tänzerin tanzt vor dem Ballettmeister. Um sie herum dehnen sich die anderen, richten ihre Kleidung, kratzen sich am Rücken, unterhalten sich oder schauen mehr oder weniger aufmerksam zu. Gerade diese unspektakulären Pausen lassen die Probe glaubwürdig erscheinen. Die Klasse ist keine Reihe gleichförmig anmutiger Körper, sondern ein Arbeitsplatz, an dem Disziplin auch Langeweile und Wiederholung bedeutet.

Der Raum wirkt beiläufig beobachtet, doch seine Asymmetrie ist genau kalkuliert. Die Dielen ziehen den Blick nach hinten, eine angeschnittene Figur im Vordergrund rückt dicht an uns heran, und die offene Mitte gibt dem Stock des Lehrers und der Tänzerin Raum, hervorzutreten. Degas zeichnete und kombinierte Posen über längere Zeit, statt einen fotografischen Augenblick festzuhalten. Die scheinbare Spontaneität ist das Ergebnis sorgfältiger Konstruktion; jede Unterbrechung lässt den Raum vorübergehend belebt wirken.

Quellen und weiterführende Lektüre