Fünf Figuren bewegen sich im Kreis
Maria und das Jesuskind besetzen die Mitte, doch die Komposition fügt sich nicht zu einer einfachen Pyramide. Josef beugt sich von links herein, der junge Johannes erhebt sich darunter, und die heilige Margareta neigt sich von rechts zur Gruppe. Ihre Körper überlagern sich so eng, dass Hände, Gesichter und Stoffe wie verbundene Glieder am runden Bildrand entlangzulaufen scheinen.
Ein solches Rundbild, Tondo genannt, war häufig für einen privaten Wohnraum bestimmt. Filippino setzt seine Form gezielt ein: Keine Ecke bietet einen Ausweg, sodass Zuneigung und Aufmerksamkeit ganz in der Familiengruppe gebündelt bleiben.
Blau hatte seinen Preis
Marias Gewand ist mit Ultramarin gemalt, einem Pigment aus importiertem Lapislazuli. Nach Angaben des Cleveland Museum konnte es teurer sein als Gold. Sein Leuchten spricht deshalb nicht nur durch die Farbe, sondern auch durch den Aufwand: Ein Material, das jeder Auftraggeber als außergewöhnlich erkannt hätte, zeichnet die Hauptfigur aus.
Rot, Violett, Grün und gemusterte Stoffe drängen sich um dieses Blau. Filippino hält die Farbigkeit intensiv und verhindert zugleich durch die Blicke der Figuren, dass sie in unverbundene Flächen zerfällt.
Die Antike betritt die heilige Szene
Seit etwa 1489 arbeitete Filippino in Rom an der Vollendung der Kapelle des Kardinals Oliviero Carafa. Das Metropolitan Museum beschreibt, wie er dort antike Überreste studierte und ihre Formen frei auslegte. Für die heilige Margareta übertrug er in einer erhaltenen Vorzeichnung die Haltung einer antiken Venus, statt sie unverändert zu kopieren.
Diese Anleihe bildet keinen verborgenen Widerspruch im Gemälde. Künstler der Renaissance verstanden antike Körper, Gewänder und Ornamente als Bildsprache, die sich auf christliche Themen übertragen ließ.
Ein Auftrag verbindet Florenz und Rom
Das Museum bringt das Rundbild mit Kardinal Carafa in Verbindung, dessen römische Kapelle in denselben Jahren Filippinos wichtigstes Projekt war. Ob als intimes Andachtsbild oder als repräsentativer Auftrag betrachtet, das Werk vereint Erfahrungen aus zwei Städten: florentinische Figurenmalerei, römische Antike und die kostbaren Materialien eines Auftraggebers.
Seine besondere Leistung liegt in der Verdichtung ohne Stillstand. Jeder Heilige bleibt einzeln erkennbar, doch keiner steht für sich. Der Kreis verwandelt eine Gruppe heiliger Figuren in eine nahe, beinahe körperlich spürbare Begegnung.
Quellen und weiterführende Lektüre
- Sammlungseintrag des Cleveland Museum of ArtWerk, Figuren, Auftrag, Materialien, Ultramarin und antikes Vorbild.
- Metropolitan Museum of Art, Filippino LippiFilippinos römische Jahre, die Carafa-Kapelle und sein Studium der Antike.
